Audemars Piguet Museum in Basel

Visionär mit Bodenhaftung

Bjarke Ingels plant unsere Zukunft.

Der dänische Architekt Bjarke Ingels verbindet Visionäres mit Konkretem. Er sucht – und findet – Antworten auf die großen Herausforderungen unserer Gegenwart und Zukunft.

VIA 57 WEST, New York VIA 57 WEST, New York, USA © Iwan Baan

„Die Architektur“, sagt Bjarke Ingels, „befindet sich anscheinend in einer Zwickmühle: entweder naiv utopisch oder lähmend pragmatisch.“ Der 41-jährige Däne hat es sich zur Aufgabe gemacht, dieses Dilemma zu lösen. Da überrascht es beinahe, dass Ingels von sich selbst sagt, eher an Evolutionen als an Revolutionen interessiert zu sein. Verschieben, verdrehen, verkanten, auffächern, so kann man das Ingels-Design zusammenfassen. Ob es die spiralförmig gewundenen Hochhäuser von Coconut Grove at Grand Bay in Miami oder an der 11th Avenue in New York sind, die Entwürfe für die „Inhabited Hills“ im taiwanesischen Hualien Resort oder das „Sluishuis“ in Amsterdam – für alle Entwürfe gilt, dass die innovativen Formen nie um ihrer selbst willen entstehen. Die Form folgt nicht mehr der Funktion, sie eröffnet vielmehr neue Funktionen.

Da wäre etwa die asymmetrische VIA-57-WEST-Pyramide am Ufer des Hudson, die selbst im hochhausübersättigten New York für Aufsehen sorgt: eine verschobene Pyramide, die einen begrünten Innenhof mit der steil aufragenden Fassade eines Wolkenkratzers verbindet. Da wäre das Kraftwerk in Kopenhagen, dessen Dach auch als urbane Skipiste genutzt werden kann. Da sind preisgünstige schwimmende Studentenunterkünfte in Küstenstädten, nachhaltig hergestellt aus perfekt isolierten früheren Schiffscontainern. Da ist die Autobahnkreuzung, deren ungenutzte Flächen zu Parks werden.

Steve Benisty
“Wir entwerfen keine Gebäude für Architekten, wir entwerfen Gebäude für Menschen die in Kraftwerken arbeiten, die in Schulen arbeiten, die ein Museum leiten.”

Bjarke Ingels

Antworten auf die Herausforderungen der Zeit

Coconut Grove Coconut Grove, Miami, Florida ©Azeez Bakare

Ingels ist kein entrückter Stadtplaner, der am Zeichentisch die urbane Umwelt der Menschen entwirft und ihnen somit sagt, wie sie zu leben haben. Er verkörpert eine neue Riege von Architekten, die keine Lust mehr hat auf abgehobene Prestigebauten, sondern stattdessen ehrliche Antworten sucht auf die großen Herausforderungen unserer Zeit: Verstädterung, Migration, Naturkatastrophen und Armut. Ein visionärer Zukunftsdenker, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht.

Wie praktisch, dass der Däne in der Lage ist, seine Philosophie in ebenso zitat- wie retweetfähigen Slogans auszudrücken. „Yes is more“ heißt etwa sein Credo, eine Mischung sämtlicher Designprinzipien der letzten hundert Jahre vom Minimalismus bis zum Funktionalismus. BIGamy lautet ein anderes Konzept: Ein Gebäude sollte danach im besten Fall Hybridfunktionen erfüllen. Die Grundfrage bleibt dabei immer: Wie kann ein Gebäude zugleich sozial, ökonomisch und ökologisch sein?

Ingels entwirft pragmatische Utopien

Dafür kombiniert Ingels auch Prinzipien miteinander, die auf den ersten Blick unvereinbar erscheinen. Pragmatische Utopien. Oder hedonistische Nachhaltigkeit. Dieser letztgenannte Ansatz besagt, dass grünes Design nur dann Erfolg haben kann, wenn es erstrebenswerter ist als der Status quo. „Nachhaltigkeit ist zu einer Art neoprotestantischer Idee geworden“, sagt Ingels. Die Leute meinen, „dass es wehtun muss, um gut zu tun“.

The Mountain in Copenhagen The Mountain Dwellings, Kopenhagen, Dänemark ©Carsten Kring

Mountain Dwellings, einer seiner frühen Entwürfe, symbolisiert vielleicht am besten, was damit gemeint ist. Eine Kopenhagener Penthouse-Siedlung auf einem schrägen Hang über einem Parkhaus für die Bewohner. Es sei, sagt Ingels, „das beste Beispiel für das, was wir architektonische Alchemie nennen. Die Idee, dass man, wenn nicht Gold, doch zumindest zusätzlichen Wert schaffen kann, indem man traditionelle Elemente wie Apartments und Parkhäuser mischt und in diesem Fall sogar den Leuten die Möglichkeit gibt, nicht zwischen einem Leben mit Garten oder dem Stadtleben wählen zu müssen.“

Ein furchtloser Architekt

Rem Koolhaas, sein Mentor, schrieb einmal, Ingels sei der erste Architekt „ohne Angst“. Diese Furchtlosigkeit scheint nun zu seinem größten Vorteil zu werden. Sein Büro BIG räumt einen Architekturpreis nach dem anderen ab. Mehr als ein Dutzend Gebäude sind gerade in Arbeit, darunter das neue Google-Hauptquartier oder der zweite Turm des neuen World Trade Centers. Die Projekte reichen von China über die Färöer-Inseln bis nach Mexiko.

Google North Bayshore Google in North Bayshore, Kalifornien, USA ©MIR

Doch Bjarke Ingels baut schon längst nicht mehr nur Wolkenkratzer, sondern auch Gedankengebilde. Der Däne ist nicht nur Architekt, sondern auch zu gleichen Teilen Popstar, Prophet und Philosoph. Er ist zu einem Handlungsreisenden in Sachen Zukunft geworden, zu einem Teil jener globalen Elite, die von Ideenkonferenz zu Ideenkonferenz jettet, um dem Publikum dort ihre Version eines besseren Morgen darzulegen.

Eines unterscheidet Ingels jedoch von anderen viel zitierten Rednern. Statt flotter Sprüche und schicker Powerpoint-Slides hat er auch konkrete Lösungen im Gepäck. Die BIG-Bauten sind immer auch ein Versprechen, dass das Leben der Menschen durch sie ein besseres wird.

Text: Michael Moorstedt

Weitere Informationen:

www.big.dk

„Hot to cold – An Odyssey of Architectural Adaption“, Taschen Verlag 2016

Foto Bjarke Ingels ©Steve Benisty

Foto ganz oben: Entwurf für das neue Museum von Audemars Piguet im Vallée de Joux, Schweiz, wo die Uhrenmanufaktur 1875 gegründet wurde ©BIG

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