Die neue Art zu arbeiten

Innovative Arbeitsplätze fördern Flexibilität, Gemeinschaft und Kreativität.

Individuell, unabhängig, international – das neue Arbeiten erfordert auch neue Arten von Büros. Nur logisch, dass Kalifornien Vorreiter beim Co-Working und Office-Hosting ist.

Lichtdurchflutete Arbeitshalle ©CTRL Collective

Ist diese ehemalige Fabrik ein Bürokomplex, ein Kunstmuseum oder ein cooles Yogastudio? Wer durch die Glastüren von CTRL Collective in Playa Vista bei Los Angeles tritt, bewundert erst einmal die spektakuläre Kunst in den lichtdurchfluteten Hallen. Sogar ein weißes, mit bunten Farbklecksern bedecktes Brautkleid ist dabei, farbenfrohe Pop-Art und Neonkunst, die in grellem Orange das Motto dieses Unternehmens blinkt: „Work Happy“ leuchtet der Schriftzug neben dem Gaming Raum. Das Brautkleid ist von einer Braut, die tatsächlich in diesen Räumen geheiratet hat. Hand aufs Herz: Wer liebt sein Büro so sehr, dass er dort gleich den Bund fürs Leben schließen möchte? „Es geht bei CTRL nicht in erster Linie um die Büromiete, sondern um das Erlebnis“, sagt Betriebsleiterin Marylinn Gunawan. „Wir wollen, dass die Leute gerne hierherkommen.“ Deshalb laden Tischtennisplatten zum Spielen ein, gemütliche ozeanblaue Sessel zum Verweilen, und die Hunde, die selbstverständlich mit ins Büro gebracht werden dürfen, treffen sich an den eigens für sie eingerichteten Wasserstellen, über denen Live Love Bark steht. Work-Life-Blending nennen das die Kalifornier.

In Kalifornien wird gerade die Arbeit neu erfunden. Statt am Band arbeiten die Millennials am Laptop, und zwar flexibel, komfortabel und individuell. Das erfordert auch neue Arbeitsplätze. Nur logisch, dass Kalifornien Vorreiter für neue Arbeitsplatzmodelle ist. Kreative Office-Hosting-Plattformen wie CTRL, WeWork oder Gensler’s C3 bieten mehr als vier Wände mit Internet-Anschluss: „Flexibilität, Gemeinschaft, Kreativität“, sagt der Softwareentwickler George Rhodes. „Ich hoffe natürlich, dass meine App das nächste große Ding wird, und hier ist es ideal zum Netzwerken.“

79 Dollar für einen Arbeitsplatz mit Yoga-Klasse

Living room atmosphere at WeWork Wohnzimmeratmosphäre ©WeWork

Jungunternehmer, die noch nicht wissen, wie viel Platz sie in einem halben Jahr brauchen und wo sie ihre Kunden finden werden, können sich in Office-Hosting-Projekte einmieten. WeWork bietet Standorte in 43 Städten, bei CTRL Collective, das in Amerika gerade enorm expandiert, arbeiten allein in Playa Vista 550 Menschen aus 120 Firmen zusammen. Der Clou: Die Verträge laufen immer nur von Monat zu Monat. Die Monatsmiete bei CTRL beginnt schon bei 79 Dollar für einen Teilzeitplatz und bei 199 Dollar für einen Vollzeit-Schreibtisch. Darin sind aber nicht nur ein Schreibtisch und ein Monitor inkludiert, sondern auch eine ganze Palette an Annehmlichkeiten: 3-D-Drucker, Rechtsberatung, professionelle Film- und Virtual-Reality-Studios, Yoga- und Meditationsklassen, Konferenzräume, Eventhallen und sogar ein renommierter Künstler, Tyler Ramsey, der sich in einer Garage neben den Büros mit wilden Farbspritzereien austobt. „Als ich meiner Verlobten ein besonderes Geschenk machen wollte, ging ich zu Tyler“, erzählt Doug McClurg, der Community Director von CTRL, „und er entwarf mit mir ein absolut einzigartiges Kunstwerk.“

Das Ziel des neuen Bürokonzepts: die kreativen Potenziale jedes einzelnen Mitglieds zu erschließen. „Firmen haben erkannt, dass die Kreativität der Mitarbeiter ihre wichtigste Ressource ist“, sagt Brokerin Gayle Landes. Die Präsidentin von Pacific Equity Partners hat sich auf Kunden aus den Bereichen Unterhaltung und Kreation spezialisiert. „Früher haben wir Executive-Suiten an Jungunternehmer vermietet, jetzt geht es um kreative Büros.“ Statt sich in private Büros zurückzuziehen oder in lauten Großraumbüros zu arbeiten, haben die Mitarbeiter nun täglich die Wahl zwischen Einzelplätzen, Konferenzräumen, schallgeschützten „Cocoon-Räumen“ für ungestörte Konzentration, Entspannungszonen, Spielräumen und offenen Küchen, in denen sich alle zum Lunch treffen.

Die Interaktion und den Spieltrieb anregen

Entspanntes Arbeiten ©Netflix

Die neue Lust am Teamwork und das „Campus“-Modell von Vorreitern wie Google, Apple und Facebook haben die Büro-Architektur verändert, auch für kleinere Firmen. Ob Spieleproduzenten wie Riot Games oder Unterhaltungsanbieter wie NetFlix, Hulu, HBO, YouTube oder Snap Chat: Alle gestalten Büros, die Interaktion, Synergie und kreativen Spieltrieb fördern. Community statt Hierarchie, Innovation statt Befehle von oben, Eigeninitiative statt Abarbeiten – diese Herausforderungen verlangen nach neuen Räumen. „Es geht nicht mehr um den Arbeitsplatz, es geht um den Arbeitsraum, es geht nicht um das ‚Ich’, sondern das ‚Wir’“, sagt Büro-Trendscout Raphael Gielgen von der Vitra AG. „Die Gestaltung der Büros spielt eine wesentliche Rolle. Welches Arbeitsumfeld ist für unser Geschäftsmodell die Benchmark? Der Erfolg steht und fällt damit, zur richtigen Zeit die richtigen Menschen zusammenzubringen, damit sie interagieren und kooperieren können, bis etwas Neues entsteht, das alle Erwartungen sprengt.“ Bei gemeinsamen Tischtennis-Turnieren, Filmnächten und den firmeneigenen Yogastunden lernen sich Büronachbarn kennen, die inhaltlich oft nicht viel gemeinsam haben, aber voneinander profitieren: Juristen, Jungunternehmer, Journalisten, Filmemacher.

Zeit für die Gemeinschaft

Es geht um mehr als Design: Studien belegen, dass Menschen nichts mehr motiviert als das Gefühl, anderen zu helfen. Bei CTRL Collective gilt daher das „80/20-Prinzip“, erklärt Doug McClurg, der junge, tätowierte Community-Manager. „Jeder arbeitet 80 Prozent an seinen eigenen Projekten und stellt 20 Prozent für die Gemeinschaft oder ein Non-Profit-Projekt zur Verfügung.“ Tyler Ramsey, der hauseigene Künstler, lässt den Besucher deshalb mit vollen Tuben knallroter und grüner Farbe auf seiner halbfertigen Leinwand rumklecksen. „Ich ziehe total viel Energie aus den Leuten, die hier arbeiten“, sagt der groß gewachsene, blonde Surfer. „Es ist keine Ablenkung, wenn sie bei mir vorbeikommen, im Gegenteil, erst durch das Zusammenspiel macht es Spaß.“ Einen wesentlichen Beitrag für die „Work-Life-Balance“ leistet allerdings etwas, das nicht jedes Büro bieten kann: Mit den Fahrrädern, die CTRL Collective am Eingang kostenlos zur Verfügung stellt, ist man in fünf Minuten am Strand. Und kann nach der Arbeit entspannt den Wellen und dem Sonnenuntergang entgegenradeln.

Text: Michaela Haas

Mobile Arbeitswelten für stärkere Vernetzung

Vier Fragen an Stefan Selz, Standortleiter der BSH in München, über das Büro von morgen.

BSH Management Arbeitsplatz ©BSH Hausgeräte GmbH BSH Management Arbeitsplatz ©BSH Hausgeräte GmbH
BSH Management Rückzugsraum ©BSH Hausgeräte GmbH BSH Management Rückzugsraum ©BSH Hausgeräte GmbH

Herr Selz: Die Welt der Arbeit verändert sich rasant. Was macht die BSH, um die Arbeitsplätze den neuen Bedingungen anzupassen? Wir haben uns auch bei der BSH vorgenommen, moderne Bürokonzepte umzusetzen, und verwirklichen das nach und nach – unter anderem auch hier in der Münchner Firmenzentrale. Statt in Einzelbüros arbeiten Mitarbeiter, vom Leitenden Angestellten bis zum Referenten, in der gleichen Umgebung. Hier gibt es für jede Arbeitssituation den geeigneten Platz wie Sofaecken, Ruhezonen, schalldichte Räume etwa für Skype-Besprechungen oder Telefon-„Zellen“.

Wie kommt das bei den Kollegen an? Das wird gut angenommen, auch wenn sich mancher erst daran gewöhnen muss. In jedem Fall ist es sehr kommunikationsfördernd. Wir haben zum Beispiel eine neue Kantine gebaut, die ganztägig geöffnet hat. Zusätzlich bieten wir eine neue Konferenzzone, die vielseitig genutzt werden kann.

Arbeitet auch die Geschäftsführung an neuen Arbeitsplätzen? Natürlich. Wir haben aus den vier Einzelbüros samt Vorzimmern eine richtige Wohnwelt geschaffen, mit vielen Glaselementen und einem großen Holztisch in der Mitte, an dem die Geschäftsführer gemeinsam arbeiten. Dazu gibt es nur sehr kleine Rückzugsräume, für den Fall, dass einmal jemand ein vertrauliches Personalgespräch führen muss oder Ähnliches. Der große Vorteil ist, dass es jetzt viel mehr spontane Reaktionsmöglichkeiten untereinander gibt.

Welche grundsätzlichen Überlegungen stecken hinter den neuen Arbeitsplätzen? Wir müssen uns einfach stärker vernetzen. Das ist am klassischen Schreibtisch-Arbeitsplatz schwer. Das müssen wir durch mobile Arbeitswelten aufbrechen. Die Welt verändert sich, und deswegen muss auch unser Büroumfeld schneller und agiler werden. Ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg.

Foto ganz oben: ©Katelyn Perry/WeWork
Teaserfoto auf der Startseite: ©Netflix

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