Revolution per 3D-Druck

Wenn das Wohnzimmer zur Produktionsstätte wird.

Massenware ade – die Zukunft gehört den individuellen Dingen. Vom Weihnachtsosterhasen über den Oldtimer-Rückspiegel bis zum perfekten Trauring gestalten wir unsere Welt bald selbst: per 3D-Druck. Die Revolution hat längst begonnen.

Makerbot 3D-Drucker ©MakerBot

Noch stehen die Objekte unseres Lebens wie geklonte Armeen in den Regalen, doch die Götterdämmerung der Massenproduktion zieht auf. Ein seltsames Gerät schickt sich an, Unruhe in die wohlsortierten Reihen unseres Konsumalltags zu bringen: der 3D-Drucker. Als technisches Multitalent spuckt er auf der Erde bereits Knorpel, Prothesen, Zahnersatz, Haut, Autos, Häuser und Schuhe aus, auf dem Mond schon bald Astronautenunterkünfte. Bis dahin erobert er noch kurz die privaten Haushalte, wo ebenfalls schon fleißig produziert wird: Gummikraken, Ablageboxen, Actionfiguren, Schmuck und Ersatzteile. Branchenkenner wie Bre Pattis, Video-Blogger, Künstler und Mitbegründer des US-amerikanischen 3D-Drucker-Herstellers MakerBot, sehen die Industrielle Revolution 4.0 Fahrt aufnehmen – auch dank immer günstigerer 3D-Drucker für den Profi- und Privatgebrauch. Home-Modelle gibt es bereits ab rund 250 Euro. Tendenz fallend. In diesem Sog werden Konsumenten immer mehr zu Produzenten und Produktionsprozesse so vereinfacht, dass sie viel Geld und Zeit sparen. Pattis nennt ein Beispiel: „In der Möbel- und Innenausstattungsbranche rollt die 3D-Drucker-Welle gerade los. Wir erleben Betriebe, die ihren Innovationszyklus von Wochen auf Stunden reduzieren.“

Als wahrscheinlich gilt vielen Experten eine zukünftige Zweiteilung von professioneller und privater Produktion: Einiges kaufen wir off- oder online, anderes drucken wir selbst, zum Beispiel einen individualisierten Griff für den Backofen, Ersatzteile für Waschmaschine und Auto, die Deko zu Weihnachten, das Spielzeug zum neuen Animationsfilm, den perfekten Trauring. Dafür gehen wir entweder in den Makerspace um die Ecke, oder wir haben einen 3D-Drucker im eigenen Haushalt. Bauanleitungen und Dateien kommen vom Service der jeweiligen Hersteller und Rechteinhaber oder werden frei aus dem Internet heruntergeladen.

MakerSpace ©MakerSpace, Patrick Ranz
Damit entsteht, was wir gern hätten, füttern wir die Drucker beispielsweise mit gefärbten Kunststoffen oder mit Epoxidharz, Gips, Keramik, Silikonen, Metall – und Schokolade. Wer jetzt schon in Schokolade drucken möchte, muss allerdings noch tiefer in die Tasche greifen, da es bislang nur gewerbliche Schoko-Drucker gibt. Oder er baut sein Gerät mit einer Schokoladenfunktion aus. Anleitungen gibt es unter anderem bei Thingiverse, Yeggi oder Youimagine, wo Tüftler Dateien und Tipps tauschen, um neue Dinge zu erschaffen und ihre 3-D-Drucker zu tunen. Ergänzend lernen wir auf Websites wie www.tinkercad.com , 3D-Objekte zu entwerfen. Eine gute Übung für die Zukunft, in der wir alle Designer und Produzenten sind. So rücken wir der Massenproduktion auf den Leib und sorgen für eine Entwicklung, die allein durch die verstärkte regionale Produktion gesellschaftliches Sprengpotenzial birgt – was wir vor Ort drucken, importieren wir nicht.

Prädestiniert als Pionierbereich für eine solche Re-Regionalisierung ist die Ersatzteilindustrie. Nach Bre Pattis werden außerdem Erstanwender die Nase vorn haben. Und sollten große Unternehmen keine 3D-Drucker in ihre Prozesse integrieren, würden sich neue Chancen für kleine Unternehmen ergeben. Daneben gilt: Lagerhäuser werden durch Print-on-Demand kleiner bis überflüssig, dafür werden Service und Erlebnis für den Handel zentrale Themen. Möbelhäuser zum Beispiel werden zu temporären Showrooms mit wechselnden Produktwelten und Eventcharakter. Fachverkäufer helfen bei Planung und Design, um am Ende die Dateien für die Produktion an einen kooperierenden Makerspace oder den Kunden zu senden. Kurz: Passiver Konsum war gestern, in Zukunft sind wir aktiv, planen, gestalten – und schauen dem 3D-Drucker möglicherweise auf dem Mond bei der Arbeit zu. Der Tourismus per Rakete geht schließlich auch gerade an den Start.

Text: Ulrike-Johanna Badorrek

Teaserfoto auf der Startseite: 3D-Drucker ©ZYYX

Foto ganz oben ©iStock

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