Fakten über dein Gehirn

Wie Gedanken Technik steuern

Tan Le vernetzt Mensch und Maschinen.

Die Bioinformatik-Unternehmerin Tan Le baut an der Welt von morgen, in der Menschen nur durch ihre Gedanken Maschinen steuern.

Normalerweise ist Tan Le eher zurückhaltend. Doch wenn sie das Miteinander von Mensch und Maschinen in der nahen Zukunft skizziert, kommt Leben in die zierliche, ursprünglich aus Vietnam stammende Unternehmerin.

Gewiss, sagt sie mit leidenschaftlicher Stimme, wir benutzen Tastaturen und Mäuse, wir verwenden Touch Screens und neuerdings Sprachkommandos und Gesten, um Apps und Spiele zu steuern, Hausgeräte einzuschalten oder sogar um eine Prothese zu bewegen. Aber diese Schnittstellen sind nicht unbedingt die eleganteste Form zur Bedienung technischer Geräte. Le geht es um die ultimative Schnittstelle — eine direkte Verbindung zwischen dem menschlichen Gehirn und unserer Umgebung. Sie will alleine mit Gedanken Objekte auf einem Bildschirm manipulieren, ein Smart Home oder ein vernetztes Fahrzeug steuern.

StummeBefehle
“Die ungeheure Leistung unseres Geistes und Gehirns anzuzapfen und auf diese Weise nahtlos mit unserer Umwelt zu interagieren — das ist das ganz große Ziel.”

Tan Le

„Die ideale Schnittstelle der Zukunft besteht darin, unkompliziert und ganz intuitiv mit unseren Gedanken die vielen Geräte in unserem Leben anzusprechen”, sagt die Gründerin und Chefin der Bioinformatik-Firma Emotiv.

Mit anderen Worten: Es geht der 39 Jahre alten Unternehmerin um die erweiterte Kontrolle unserer Gedanken im positiven Sinne.

Test person

Die Vorstellung, dass normale Verbraucher Hardware oder Software nur mit ihren Hirnströmen in Gang setzen können, mag nach Science-Fiction klingen. Doch Tan Les Firma in San Francisco demonstriert genau das mit einer handlichen kleinen Haube, deren Software Hirnströme in Echtzeit interpretieren kann. Was vorher nur Neurologen mit teuren Elektroenzephalogrammen (EEG) vorbehalten war, rückt mit einem Ladenpreis von inzwischen nur noch 299 Dollar in Reichweite des Massenmarktes. Falls — und das ist die große Frage — Software wirklich in der Lage ist, aus dem unablässigen elektrischen Feuerwerk der 86 bis 100 Milliarden Nervenzellen im menschlichen Gehirn sinnvolle Informationen herauszulesen.

Le gibt sich keinen Illusionen über die gewaltigen Herausforderungen hin, die der Bau einer zuverlässigen Schnittstelle zwischen Geist und Maschinen mit sich bringt. „Das Gehirn ist eine der komplexesten Strukturen im uns bekannten Universum. Jedes Gehirn ist optimal auf die Tätigkeiten und Fähigkeiten des einzelnen Menschen ausgelegt und passt sich ständig an.” Deswegen unterscheiden sich Struktur und Aktivitätsprofil eines Musikergehirns von dem eines Sportlers. Und das Gehirn verändert sich im Zeitverlauf, auch abhängig von externen Einflüssen wie zum Beispiel Stress.

Andererseits ist Le schon seit ihrer Kindheit daran gewöhnt, kühnen Visionen nachzuhängen und nach scheinbar Unerreichbarem zu streben. Als sie vier Jahre alt war, bestieg ihre Familie ein Boot und floh von Vietnam nach Australien. Weder die Gefahr, auf offener See von Piraten überfallen zu werden, noch die bürokratischen Hürden und schwierigen Lebensbedingungen für sogenannte Boat People konnten ihrem Durchsetzungsvermögen etwas anhaben.

Le wuchs in einem Arbeiterviertel von Melbourne auf und arbeitete sich rasch an die akademische Spitze ihrer Altersgruppe. Bereits mit 16 begann sie ihr Studium und wurde 1998 zur „Young Australian of the Year” gewählt. Ihre packende Lebensgeschichte, die sie mit den zwei Stichworten „Bescheidenheit” und „Wagemut” charakterisiert, schlug Zuhörer auf der renommierten TED-Konferenz in den Bann und wurde seitdem mehr als eine Million Mal online abgerufen.

Tan Lee

Im Jahr 2003 gründete Tan Le die Firma Emotiv — anfangs noch mit dem Fokus auf passionierte Gamer, die bereitwillig in modernste Hardware zur Gedankensteuerung investieren würden. Seitdem ist ihr Unternehmen auf 50 Mitarbeiter in Kalifornien, Australien und Vietnam angewachsen und hat sich neu ausgerichtet. Emotiv arbeitet heute primär mit Akademikern aus verschiedenen Disziplinen zusammen, die sich mit der Funktion des menschlichen Gehirns befassen. Neue Technologien wie Cloud-Computing, künstliche Intelligenz und immer leistungsfähigere Hardware, wie etwa Brillen zum Eintauchen in Virtual-Reality-Welten, haben das Ziel der Gedankensteuerung für Normalverbraucher in greifbare Nähe gerückt.

Sobald man genügend große Datenmengen gesammelt hat und mit deren Hilfe die Aktivität eines individuellen Hirns interpretieren kann, eröffnen sich ungeahnte Anwendungsmöglichkeiten — von der aktiven Gedankensteuerung, bei der man eine Handlung denkt und so eine Spülmaschine in Gang setzen oder eine Tür aufschließen kann, bis zur passiven Gedankensteuerung, bei der unbewusste Gefühle oder Präferenzen eine Handlung auslösen, ähnlich wie ein Mensch die nonverbalen Signale seines Gegenübers wahrnimmt.

„Wir werden gerade Zeugen, wie die physische, die digitale und die biologische Welt miteinander verschmelzen. In 50 Jahren wird es wohl keine wirkliche Hardware zum Anfassen mehr geben, sondern die Technologie wird in unserem Körper verbaut sein”, vermutet Tan Le. Software wird konstant die Hirnströme messen und bemerken, ob jemand entspannt oder gestresst ist, wachsam oder müde. Und Software wird den Menschen erlauben, sich nahtlos mit dem Internet der Dinge zu vernetzen. „Man stelle sich ein Smart Home vor, das seinen Eigentümer versteht. Sobald man sich dem Haus nähert, sperrt es die Tür auf und passt das Interieur dem Menschen an, der eintritt. Details wie die Farbe der Wände oder das Unterhaltungsprogramm verändern sich je nach augenblicklicher Stimmung.”

Tan Lee

Gedankensteuerung als Massenphänomen eröffnet faszinierende Perspektiven für personalisiertes Lernen und neuartige therapeutische Anwendungen. „Lehrer wüssten, ob ein Schüler aufpasst oder abgelenkt ist. Wenn man sehen kann, wie ein Gehirn auf Sprache reagiert, lassen sich intelligente Hörgeräte entwickeln, die sich auch in einem lauten Raum auf ein bestimmtes Gespräch konzentrieren können”, so Tan Le.

Die unsichtbare Verbindung zwischen menschlichen Neuronen und elektronischen Schaltkreisen wird weitreichende Folgen haben, fügt die Unternehmerin hinzu. „Sobald uns Maschinen wirklich verstehen und auf unsere Gefühle reagieren können, werden wir ganz andere Beziehungen zu Geräten und Programmen entwickeln.”

Was auf den ersten Blick wie der Traum eines jeden Ingenieurs aussieht, hat allerdings auch seine Schattenseiten. „Wollen wir mit Maschinen leben, die letztendlich auf jeden unserer Gedanken und jedes unserer Gefühle zugreifen können? Ich bin mir da nicht so sicher”, denkt Le laut nach. „Wir müssen auf jeden Fall Sicherungen und einen Notschalter einbauen, wenn Dinge aus dem Ruder laufen. Als Pioniere auf diesem Gebiet tragen wir eine besondere Verantwortung, die menschliche Entscheidungsfreiheit zu bewahren.” Denn am Ende des Tages steht auch für Tan Le nicht künstliche Intelligenz, sondern der menschliche Geist im Vordergrund.

Text: Steffan Heuer

Weitere Informationen zu Tan Le finden Sie hier.

Fotos und Video ©David Magnusson

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