Stage_Leon Tan

Wann ist vernetztes Wohnen wirklich sinnvoll?

Ein Haus muss mehr als nur vernetzt sein.

Leon Tan ist Leiter der „Works with Nest Partnerships“ bei Nest, einem Alphabet-Unternehmen, das smarte Thermostate, Rauchmelder, Kameras und seit Kurzem auch Sicherheitssysteme herstellt. Das „Works with Nest“-Entwicklungsprogramm (developers.nest.com) unterstützt Partnerunternehmen, ihre Produkte wie Lampen oder Waschmaschinen mit dem System von Nest zu verknüpfen. Ein Gespräch über die Zukunft des Zuhauses.

Leon Tan Leon Tan, Nest, Leiter des Programms „Works with Nest“ bei Nest

In Anbetracht Ihres Jobs erlauben Sie uns diese Frage: Wie muss man sich Ihr Zuhause vorstellen? Ist das ein verrücktes, komplett vernetztes Science-Fiction-Haus, in dem sogar der Toaster im Internet ist? Teil meines Jobs ist es tatsächlich, die Produkte unserer Entwickler und Partner zu testen. Das macht sehr viel Spaß! Wir haben sehr viel Technik in unserem Haus installiert, aber nicht nur ich nutze die Technologie, sondern – noch wichtiger – meine Frau tut das auch. Sie liebt es! Und wenn du in der Lage bist, nicht nur dich selbst von einer neuen Anwendung zu überzeugen, sondern auch Partner oder Familienmitglieder, die weniger technikversessen sind, dann weißt du, dass Technologie tatsächlich ihren Zweck erfüllt. Dann ist es nicht Technologie um der Technologie willen.

Was genau macht Ihnen und Ihrer Frau denn am meisten Spaß in Ihrem vernetzten Zuhause? Meine Frau genießt es vor allem, wie unser Haus uns vor unserer eigenen Nachlässigkeit schützt. Nest kann zum Beispiel erkennen, ob jemand zu Hause ist oder nicht. Wenn Nest bemerkt, dass niemand zu Hause ist, erinnert es uns zum Beispiel daran, unsere Garagentür zu schließen, die mit dem System verbunden ist. Die lassen wir gerne offen stehen, was natürlich ein Risiko darstellt. Und dann haben wir noch allerlei andere verknüpfte Geräte im Haus: Lampen, Wasserboiler, Kühlschränke. Diese Geräte schalten sich automatisch aus oder in den Sparmodus, um Energie zu sparen. Wir haben außerdem Jalousien, die sich automatisch öffnen und schließen. Das hilft uns dabei, im Haus immer eine angenehme Temperatur zu halten.

„Ich glaube, es braucht ganz konkrete persönliche Erfahrungen mit Technologie, damit man sich mit ihr identifizieren kann und sich wiederfindet.“

Vernetztes Wohnen kann grundsätzlich dabei helfen das zunehmend turbulente Leben zu vereinfachen. Man kann das Haus sich selbst überlassen, weil es sich selbstständig um alles kümmert? Ja, und genau das ist im Grunde unser Mantra bei Nest, unsere Vision. Wir glauben, dass Häuser und Wohnungen nicht einfach nur vernetzt sein sollen. Dass ein Produkt mit dem Netz verbunden ist, was heißt das schon? Die meisten Menschen glauben, ein vernetztes Zuhause heißt einfach nur, dass ich bestimmte Funktionen per Fernbedienung oder Tablet, über ein Panel an der Wand oder per Voice Control steuern kann. Wir glauben, es bedeutet, dass ein Haus oder eine Wohnung sich um seine Bewohner kümmern sollte – und um die Umwelt: indem es Energie spart, für Sicherheit sorgt, indem es autonom für sich selbst denkt.

Klingt gut, aber wenn ich mich in meiner Familie oder in meinem Freundeskreis umschaue, dann hat so gut wie niemand smarte Thermostate oder Ähnliches installiert. Der Durchbruch dieser Technologie steht noch aus. Was glauben Sie, woran das liegt? Ich glaube, es braucht ganz konkrete persönliche Erfahrungen mit dieser Technologie, damit man sich damit identifizieren kann und sich wiederfindet. Dann geht man auch in einen Laden und kauft sich ein Produkt, das einem diese Technologie bietet.

Zum Beispiel? Kurz bevor wir neulich in den Urlaub fahren wollten, wurde auf Nextdoor häufig über auffällige Leute in unserer Nachbarschaft und über Einbrüche berichtet. Nextdoor ist eine in den USA verbreitete Plattform, über die man sich mit seinen Nachbarn austauschen kann. Also habe ich mir einen ganzen Schwung Lichter gekauft, die sich mit unserem Nest-System verknüpfen lassen, und sie installiert. Das hat mich beruhigt. Wenn Nest nun registriert, dass wir nicht im Haus sind, schaltet es diese Lichter nach dem Zufallsprinzip an und aus, damit es so aussieht, als wäre jemand da.

Und das verscheucht mögliche Einbrecher? Genau. Wir simulieren, dass jemand anwesend ist. Die Kameras von Nest CAM können außerdem unterscheiden, ob sich draußen zum Beispiel nur ein Ast bewegt oder ein Mensch. Wenn Nest CAM also wirklich einen Menschen erkennt, dann schaltet das System die Lichter ein, sodass es wirkt, als hätte jemand im Haus etwas bemerkt. So etwas beruhigt enorm und verleiht ein neues Level von Sicherheit. Und wenn man diese persönliche Erfahrung mit seinen Nachbarn teilt, dann verbreitet sich das Verständnis für den Wert dieser Technologie ganz von selbst.

Kann es sein, dass viele Menschen zögern, ihr Zuhause zu vernetzen, weil sie nicht wissen, wohin die erhobenen Daten gehen und was damit geschieht? Gerade in Deutschland sind Leute ja sehr sensibel, was ihre Daten und Privatsphäre angeht. Ja, und natürlich müssen wir mit diesen Bedenken verantwortlich umgehen. Die Menschen laden uns in ihr Zuhause ein und wir nehmen das sehr ernst. Wir versuchen, den Umgang mit den Daten so transparent wie möglich zu gestalten. Sagen wir, ein neuer Bosch- oder Siemens-Herd will sich mit Nest verknüpfen. Er kann sich dann sofort selbst abschalten, wenn Nest Rauch oder zu viel Kohlenmonoxid in der Luft feststellt. Und das ist natürlich großartig. Aber es ist eben auch wichtig, dass wir immer darüber informieren, wenn ein neues Gerät Daten über Nest anfordert: Erstens obliegt es immer der Entscheidung des Kunden, ob diese Verbindung hergestellt werden soll, und er kann diese Entscheidung jederzeit widerrufen. Außerdem kommuniziert Nest dann sehr klar, welche Informationen geteilt werden und – noch wichtiger – warum. So weiß der Konsument sehr genau, was gerade passiert. Dabei handelt es sich bei den geteilten Daten übrigens nie um persönliche Informationen der Kunden, sondern ausschließlich um Gerätedaten.

Die Zukunft hat begonnen

Der Kühlschrank, weiß, was in ihm steckt und schlägt passende Rezepte vor; die Waschmaschine gibt Bescheid, wenn die Wäsche sauber ist – die intelligenten Hausgeräte der BSH sind längst vernetzt und tauschen sich mit ihren Benutzern und untereinander aus. Schließlich steht der Konzern, zu dem die Hausgerätemarken Bosch, Siemens, Neff und Gaggenau gehören, schon immer für Innovationskraft, Zuverlässigkeit und Qualität. Mit den neuen digitalen Lösungen verbessern wir die Lebensqualität unserer Kunden stetig weiter.

Lassen Sie uns in die Zukunft schauen. Wohin führen diese Technologien am Ende? An welchen neuen Ideen arbeiten Sie? Ich kann leider nicht über Planungen sprechen, die noch nicht öffentlich sind, aber wir haben kürzlich eine Home-Security-Lösung angekündigt, die ein Alarmsystem, eine Videoklingel, Indoor- und Outdoor-Kameras enthält und daran angepasste Software und Services. Und da wir über Sicherheit reden: Es gibt neben all den neuen Nest-Produkten noch viele weitere Dinge, die unsere Sicherheit zu Hause verbessern können. Hier kommen unsere Partner ins Spiel. Ich habe ja bereits erwähnt, wie automatische Lichtschaltungen, ein bewohntes Haus simulieren und so Einbrecher abschrecken können. Aber die Produkte unserer „Works with Nest“-Partner können auch die Eingänge von Häusern schützen. Wir haben zum Beispiel eine Partnerschaft mit Yale, die seit 175 Jahren Türschlösser bauen. Ein weiterer Zugang ist die Garage. Dank unserer Partnerschaft mit dem Hersteller Chamberlain können deren Garagentüren jetzt eine Nachricht senden. Wenn Nest bemerkt, dass niemand zu Hause ist, aber die Tür noch aufsteht, kann man die Tür von überall mit einem Klick per Smartphone schließen.

Wohin geht die Reise in der ferneren Zukunft? Es ist wunderbar, was neue Voice-Control-Technologien zum vernetzten Wohnen beitragen. Sie haben gerade beim Durchschnittsbürger ein neues Bewusstsein geschaffen und ermöglichen ein ganz neues Maß an Bequemlichkeit und Einfachheit. Man muss nicht mehr ständig zum Handy greifen und braucht keine Apps mehr, um die Geräte zu steuern. Jetzt kann man einfach per Lautsprecher mit Googles Assistent sprechen oder über Fernseher, Uhren, Android- oder iOS-Telefone kommunizieren. Der nächste Schritt wird sein, noch mehr Kontext in die Steuerungsmöglichkeiten und Interaktionen zu bringen. Und ganz bald wird die Nest-Hello-Videoklingel erkennen, wer an der Tür ist, und Google Home verrät einem per Lautsprecher, ob es der Postbote oder der Nachbar ist. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass es nicht bloß um ein paar vernetzte Geräte geht, sondern darum, wie diese Geräte zusammenarbeiten, um für uns ein vernetztes und aufmerksames Zuhause zu schaffen.

Interview: Lars Gaede

Foto ganz oben: ©Siemens Corporate Archives – Siemens Home Connect