Rachel Armstrong Ein Dienstag im Jahr 2067

Sophias Erfahrungen in ihrer fließenden Welt.

Rachel Armstrong, eine Experimental-Architektin aus Großbritannien, stellt sich einen Tag im Venedig des Jahres 2067 vor. Ihre Protagonistin Sophia ist – genau wie Rachel Armstrong selbst – Expertin für Kommunikation zwischen mechanischen und biologischen Systemen.

Es ist Zeit, uns neuen Vorstellungswelten zu öffnen

Rachel Armstrong stellt sich für die Zukunft eine ganz neue Beziehung zwischen der Herstellung von Dingen und der Natur vor. „Wie können wir enger mit der Natur kooperieren?“, fragt sie, und: „Können wir mit der Natur in ihrer Sprache kommunizieren?“ Sie denkt dabei an komplexere Formen des Austauschs mit der Natur, die den Reichtum unserer Umwelt zu nutzen wissen und gleichzeitig im Auge behalten, was wir zurückgeben können. Auf diese Weise könnten wir unsere Lebensräume und die Qualität unserer Umwelt ganz neu strukturieren. Rachel Armstrong schlägt vor, mit lebenden Metabolismen zu arbeiten statt mit starren Systemen, die bisher die Industrialisierung vorangetrieben haben. Durch die Verwendung lebender Stoffwechselsysteme, die sich wieder ins Ökosystem eingliedern können, könnten wir Energie und Ressourcen besser nutzen. Und sie empfiehlt, „ein Instrumentarium zu verwenden, mit dem die Natur vertraut ist, statt weiterhin die Natur in unser industrielles System hineinzuzwängen.“

Armstrong versucht „das Grün und das Grau“ zu vereinen, wie sie es nennt. „Dabei geht es nicht darum, die Fortschritte des Computerzeitalters oder die maschinelle Intelligenz zu überwinden, sondern sich Gedanken über neue Schnittstellen zu machen.“

Entscheidende Veränderungen wird es ihrer Meinung nach bei den Metaphern geben, mit denen wir Technologie beschreiben. Bisher denken wir den Körper als Maschine. Vielleicht werden wir uns Technologien aber eines Tages körperähnlich vorstellen, vielleicht betrachten wir sie als etwas Fließendes. Sie rechnet damit, dass wir im dritten Jahrtausend jene Vorstellungskraft entwickeln, die uns diese neuen, mit Biologie und Ökologie vereinbaren Welten eröffnet.

Im Gegensatz zu dem bekannten Szenario, in dem wir uns immer mehr in Maschinen verwandeln, werden unsere Gerätschaften und Instrumente biologischer und ökologischer werden. Wir werden softere Materialien erleben, Flüssigkeiten werden Schaltkreise als Informationsträger ersetzen, es wird neue Formen des chemischen Austauschs geben. Die Dinge werden nicht statisch bleiben, so wie wir es von Maschinenobjekten erwarten, stattdessen werden sich unsere Arbeitsplattformen entwickeln, sich mit uns entfalten – ein bisschen so, als würde man ein Kind beim Erwachsenwerden beobachten, wie es Armstrong beschreibt. Im Gegensatz zu Maschinen können Kinder ihr Wissen nicht wieder löschen. Was Maschinen tun, ist reversibel, was Natur und Biologie tun, ist es nicht. „Unsere neuen Werkzeuge werden mit uns zusammen lernen“, glaubt Rachel Armstrong.

Sie hofft, dass wir eines Tages lernen, wieder im Einklang miteinander zu leben, uns gegenseitig zu stärken und uns erneut von den Möglichkeiten unserer Zeit verzaubern zu lassen. In Armstrongs Augen ist es hierfür unerlässlich, dass wir uns neue Vorstellungswelten erschließen, damit auch nachfolgende Generationen die Chance haben, sich die Welt zu schaffen, in der sie leben möchten.

Als Pionierin im Bereich Nachhaltigkeit verfolgt Rachel Armstrong einen neuartigen Ansatz bei Baumaterialien, den sie als „living architecture“ – als „lebendige Architektur“ – bezeichnet. Die zugrunde liegende Idee schreibt unseren Gebäuden Eigenschaften von lebendigen Organismen zu. In Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Fachrichtungen entwickelt und baut Armstrong Prototypen, die diesen Ansatz umsetzen. Ihre Forschungsarbeit gibt Anlass zur Neubewertung unserer bisherigen Vorstellung von Häusern und Städten und wirft Fragen zur nachhaltigen Entwicklung von Gebäuden auf. Rachel Armstrong ist Professorin für Experimentelle Architektur an der School of Architecture, Planning and Landscape der Universität Newcastle.
www.linkedin.com/in/rachelarmstrong4/
http://livingarchitecturesystems.com/people/rachel-armstrong/

Illustrationen: ©Rachel Armstrong

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